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Die Heimatschule

Letzte Änderung: 10.10.2023 08:50Uhr
Postkarte der Heimatschule
Abb. 1: Postkarte der Heimatschule
Zwischen 1917 und 1953 standen auf dem Fliegerhorst Weimar-Nohra zwei dreieinhalb-geschossige Kasernengebäude, die mit einer eingeschossigen Flugzeughalle verbunden waren (Abb. 1-3). Im ersten Weltkrieg diente die Halle als Werft.
Ab 1. Januar 1931 wurde ein Drittel des ehemaligen Flugplatzes an die 1928 gegründete »Heimatschule Mitteldeutschland e. V.« für 1278 Reichsmark vermietet. Darunter war auch die ehemalige Flugzeugwerft, die der Sitz der Heimatschule wurde. Die »Heimatschule« war ein nationalistisch, militärisch ausgerichteter Verein, der von Leutnant a.D. Egon von Pirch als Direktor geleitet wurde. In der Heimatschule waren bis zu 400 Schüler untergebracht, wobei ein Großteil jünger als 20 Jahre war. Für die "Schüler" wurden paramilitärische "Wehrsportlehrgänge" angeboten [1].
Die Heimatschule engagierte sich ab 1931 im Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD) [2]. In Verbindung mit der paramilitärischen Organisation »Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten« beteiligte sich die Heimatschule am militärischen Drill der Jugendlichen.
Soldaten bei der Flugplatzwache; hinten links: Heimatschule
Abb. 2: Soldaten bei der Flugplatzwache; hinten links: Heimatschule
Neben dem Bau eines Fahrradweges von Weimar nach Erfurt waren die Arbeitsdienstwilligen der Heimatschule im April 1933 auch am Wiederaufbau des ehemaligen Flugplatzes Nohra beteiligt.
Nach dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. zu 28. Februar 1933 kam es zu zahlreichen Inhaftierungen. Insbesondere Anhänger und Funktionsträger der Kommunistischen Partei Deutschlands wurden in »Schutzhaft« genommen [3]. Sie wurden vorerst in Polizeigefängnissen, regulären Haftanstalten, aber auch SA-Kellern festgehalten. Nach wenigen Tagen waren die Gefängnisse der Region jedoch völlig überfüllt. Es wurden daher provisorische Sammel- bzw. Konzentrationslager für politische Gefangene in ganz Deutschland eingerichtet.
In der Region Weimar wurde dafür die »Heimatschule« in Nohra ausgewählt [4]. Bereits am 3. März wurden die ersten Gefangenen eingeliefert. Sie wurden in der leergeräumten oberen Etage der Werft in drei Sälen eingesperrt. Dafür wurde der Boden mit Stroh ausgelegt, das für 30 Reichsmark gekauft wurde. [5, 6, 7, 8, 9]
Unter dem Kommando der Schutzpolizei in Weimar wurde die Bewachung durch Angehörige der SA und des Stahlhelms übernommen. Aber auch ein Teil der Heimatschüler sowie Mitarbeiter der Heimatschule wurden für die Bewachung der Häftlinge zu "Hilfspolizisten" ernannt [10].
Am 5. März 1933 wurde es den Insassen noch gestattet ihre Stimme für die Reichstagswahlen abzugeben. Aus dem Vergleich zu den Wahlen vier Monate zuvor ergibt sich, dass am 5. März bereits etwa 170 Personen in der Heimatschule gefangen gehalten wurden. Maximal 220, insgesamt aber 260 Insassen waren hier bis zur Auflösung des Lagers am 28. Juli 1933 inhaftiert.
Postkarte der Heimatschule
Abb. 3: Postkarte der Heimatschule
In der Heimatschule erkrankte der RFB-Funktionär Fritz Koch an einer Hals-/Zahnentzündung und verstarb am 17. März in einem Weimarer Krankenhaus. Er blieb damit das vermutlich einzige Todesopfer im Sammellager Nohra. [5, 6, 7, 8, 9]
Die meisten Gefangenen wurden nach einer vorgefertigten Erklärung mit folgendem Wortlaut wieder entlassen:

»Ich verpflichte mich, in Zukunft die kommunistische Bewegung in keiner Weise zu fördern oder mich in Irgendeiner Form an ihr zu beteiligen.«

Der Werdegang der Flugwerft. Sie wurde noch vor der Befreiung durch die US-Armee durch einen Bombentreffer beschädigt und bis 1953 abgerissen.<br>Luftbilder: © GDI-Th, DL-DE-BY-2.0. Bearbeitung: Flugplatz Nohra e.V.
Abb. 4: Der Werdegang der Flugwerft. Sie wurde noch vor der Befreiung durch die US-Armee durch einen Bombentreffer beschädigt und bis 1953 abgerissen.
Luftbilder: © GDI-Th, DL-DE-BY-2.0. Bearbeitung: Flugplatz Nohra e.V.
Die restlichen Gefangenen überführte man in andere Gefängnisse bzw. Konzentrationslager wie Bad Sulza oder Buchenwald.
Geschlossen wurde das Sammellager in Nohra, da die »Fliegerlandesgruppe« das Flugplatzgelände wieder zum Lehrflugplatz ausbauen lassen wollte [11]. Genehmigt wurde das bereits 1932 durch den Weimarer Stadtrat. [6, 7, 8]
Nach der Übernahme des Flugplatzes durch die UdSSR Im Jahr 1945 fanden weitreichende Umbaumaßnahmen am Flugplatzgelände statt. Unter anderem wurde zu Beginn der 1950er Jahre auch die ehemalige Heimatschule abgerissen (vgl. Abb. 4.). [12]
1988 in Nohra aufgehängte Gedenktafel für das erste Konzentrationslager Deutschlands
Abb. 5: 1988 in Nohra aufgehängte Gedenktafel für das erste Konzentrationslager Deutschlands

Die Gedenktafel

Durch die SED-Kreisleitung wurde 1988 in Nohra eine Gedenktafel am Konsum aufgehängt (Abb. 5) [8, 9, 13]. Aufgrund eines Besitzerwechsels der Immobilie, wurde die Tafel 1990 auf Beschluss des Gemeinderates wieder entfernt und lagerte bis 2017 auf dem Dachboden des Pfarrhauses. Seit 2017 ist die Tafel im Besitz des Vereins und ist in unserem Museum in Ulla ausgestellt.

»Zum Kommandanten«

An der B7, genau zwischen Ulla und Nohra, befindet sich noch heute das einzige verbliebene Gebäude des 1917 errichteten Flugplatzes. Es beheimatete bis Mitte der 2010er Jahre einen Gasthof mit dem Namen »Zum Kommandanten«. Jedoch wohnte in diesem Gebäude nie ein Kommandant des Flugplatzes. Kommandantenvilla war das Gebäude nur für den Kommandanten der Heimatschule und damit auch dem Kommandanten des Konzentrationslagers. [6, 13, 14]

An dieser Stelle möchte sich der Verein Flugplatz Nohra e.V. explizit bei Udo Wohlfeld und den Mitgliedern der Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda e.V. für die detaillierte Aufarbeitung der Geschichte der frühen Konzentrationslager Thüringen bedanken.

Quellen

  1. "Heimatschule-Nohra", 18.08.1932, in Der Nationalsozialist Weimar (historisch)
  2. "Freiwilliger Arbeitsdienst Weimar", 02.10.1932, in Der Nationalsozialist Weimar (historisch)
  3. "Massenreicher Abtransport", 05.03.1933, in Weimarische Zeitung (historisch)
  4. "Staatsminister Sauckel im Lager der verhafteten KPD-Führer", 07.03.1933, in Allgemeine Thüringische Landeszeitung Deutschland (historisch)
  5. Klaus Drobisch, Günther Wieland, "System der NS-Konzentrationslager 1933–1939", 1993, S. 11-12, ISBN 978-3-05-006633-2
  6. Udo Wohlfeld, Falk Burkhardt, "Das Netz. Die Konzentrationslager in Thüringen 1933-1945.", 2000, ISBN 3-935275-01-3
  7. Udo Wohlfeld, "Das Konzentrationslager Nohra in Thüringen" in "Terror ohne System - Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945 - Band 1", 2001, Hrsg: Wolfgang Benz, Barbara Distel, S. 105-121, ISBN 3-932482-61-1
  8. Udo Wohlfeld, "Nohra" in "Der Ort des Terrors: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 2", 2005, Hrsg: Wolfgang Benz, Barbara Distel, S. 174-176, ISBN 978-3-406-52960-3
  9. Jens-Christian Wagner, "Nohra: Thüringens erstes KZ" in "Moderne und Provinz - Weimarer Republik in Thüringen 1918 - 1933", 2022, Hrsg: Michael Grisko, S. 208-212, ISBN 978-3-96311-627-8
  10. "Einrichtung der Hilfspolizei eingeleitet.", 01.03.1933, in Weimarische Zeitung (historisch)
  11. "Nohra als Lehrflugplatz", 14.04.1933, in Weimarische Zeitung (historisch)
  12. GDI-Th, "Luftbild 195314-09150", 26.05.1953
  13. Katrin Zeiss, "Die Spur nach Buchenwald", 22.02.2003, in Die Tageszeitung (TAZ)
  14. Sabine Brandt, "Das erste sogenannte KZ", 20.02.2013, in Thüringer Allgemeine