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Presse

Ein offizieller Abschied aus Weimar kam 1994 nicht infrage
Vor 15 Jahren: Die letzten Soldaten der sowjetischen Streitkräfte verlassen Deutschland
Weimar/Berlin. (tlz)
Reibungslos verlief er nicht, der Abschied der sowjetischen Streitkräfte am 31. August 1994: Während das Wachbataillon der Bundeswehr den Weg zum sowjetischen Ehrenmal in Berliner Treptower Park in gewöhnlichem Gleichschritt zurücklegte, zeigten die tausend Mann der sowjetischen Westgruppe den Stechschritt. Optisch geriet die strenge Marschordnung aus dem Takt.
Diese letzte öffentliche Szene kann als symbolisch gelten für das schiefe Verhältnis zwischen Deutschen und Russen während der Jahre 1945 und 1994. "Das Zusammenleben zwischen beiden Nationen war schwierig; aber es ging irgendwie", sagte die in Weimar lebende Privatdozentin Silke Satjukow. Anlässlich des 15. Jahrestages des Abschiedes der Westgruppe hat sie einen 72-seitigen Band verfasst, der sich an ihrer Habilitationsschrift zum Thema orientiert. "Ein Büchlein für den interessierten Bürger", nennt es die Autorin.
Schon im Vorfeld habe es Streit darüber gegeben, wo und in welcher Form die Abschiedszeremonie abgehalten werden sollte, die Meinungen gingen weit auseinander. "Die Westalliierten wollten keine gemeinsame Verabschiedung mit den Russen", sagt Satjukow. "Sie wurden als Besatzer betrachtet." Bundeskanzler Helmut Kohl hatte die Idee, die Westalliierten in Berlin und die Russen in Weimar zu verabschieden - ein klares Nein dazu aus Moskau, man wollte nicht aus Berlin verdrängt werden. Deutsche Bürgerrechtler pochten ebenfalls auf einen würdevollen Abschied in der Hauptstadt. Auch historisch betrachtet hätte es nicht gepasst: Denn die achte Gardearmee hatte Thüringen bereits am 21. November 1992 verlassen.
Eine große Vision hegte der russische Oberbefehlshaber, Matwei P. Burlakow. "Er wäre am liebsten durchs Brandenburger Tor gefahren, um sich als Sieger zu verabschieden", sagt die Jenaer Historikerin. Die Diskussionen hatten zur Folge, dass am 31. August in Berlin zweimal Abschied gefeiert wurde, Kohl und Russlands Präsident Boris Jelzin reichten sich im Treptower Park die Hände. "Ich meldete, der zwischenstaatliche Vertrag über die Bedingungen des begrenzten Aufenthalts und der Modalitäten des planmäßigen Abzugs der sowjetischen Truppen aus dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland ist erfüllt", sprach Burlakow zu seinem Präsidenten. Am 1. September rollte der letzte russische Militärtransport aus dem Bahnhof Berlin-Lichtenberg Richtung Osten.
Eine halbe Million russische Soldaten, Familienangehörige und Zivilisten lebten in den letzten Jahren der Besatzungszeit auf dem Besatzungsgebiet der ehemaligen DDR; 77400 Personen allein in Thüringen. Sie wohnten Tür an Tür mit der deutschen Bevölkerung, größtenteils jedoch abgeschirmt in ihren Kasernen.
Nach der Wende lockerten sich die Verhältnisse, nachbarschaftliche Beziehungen wurden gepflegt. Das Büchlein von Silke Satjukow erzählt auch vom Handel, gemeinsamen Tanzabenden und Liebesbeziehungen - von denen einige bis heute gehalten haben. Als "Phänomen" bezeichnet die Historikerin die Art, in der viele Deutsche nach der Verabschiedung der russischen Truppen auf die Jahrzehnte davor zurückblicken. Während die Russen früher oft als Sündenböcke hätten herhalten müssen, bezeichneten 1995 ein Drittel der Bevölkerung die Russen als Freunde. "Freunde, die sie in vielen Fällen nie gewesen sind" sagt die Autorin. Auch bei jungen Menschen habe sie ein positiv-verschönertes Bild sowohl der DDR als auch der "sowjetischen Nachbarn" festgestellt. Silke Satjukow: "Viele Menschen in Ostdeutschland fühlen sich Russland eng verbunden. Sie haben mit dem Thema noch nicht abgeschlossen."

Das Heft "'Die Russen' in Deutschland" von Silke Satjukow kann ab sofort bei der Landeszentrale für politische Bildung bestellt werden:
www.thüringen.de/de/lzt/
Wer sich näher mit der Zeit der sowjetischen Besatzung beschäftigen möchte, dem sei ihr Buch "Besatzer, die 'Russen'in Deutschland 1945 bis 1994" empfohlen.

Martin Moll

Bildunterschriften:
Mit den "Russen" in Deutschland beschäftigt sich Silke Satjukow. Foto: tlz/pm
Abschied nehmen in Thüringen hieß es bereits 1992: Hier ein Foto vom Abzug der 8. Gardearmee aus Thüringen am 21. November 1992. Foto: Archiv Satjukow
Quelle: Thüringer Landes Zeitung vom 31.08.09 | 1339 Mal gelesen seit 03.03.13 | Tags: Truppenabzug